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Bitte anschnallen - es folgt das Solo (Part II)

Hier finden preisbewußte Musiker ihr amtliches Equipment

mailto: r.Kottke@geilundlaut.de


Nun gut - es hat einige Wochen gedauert, aber den allergrößten Teil meiner Zeit widme ich natürlich meinem Online-Laden FRISIA TOENE, das dortige Sortiment an Instrumenten, Verstärkern und Zubehör gewinnt dadurch aber auch Monat für Monat an Attraktivität. Dazu kommt die neue Baustelle musiker-workshops.de, wo ihr mittlerweile eine Riesenmenge an kostenlosen Online-Workshops für fast schon jedes Instrument finden könnt. Nun gut also: Hier kommt endlich Part II des Workshops “Bitte anschnallen - es folgt das Solo”.

Im Verlauf dieser Site sollt ihr Bekanntschaft machen mit den wichtigsten Techniken, die ihr braucht, um ein ausdruckstarkes und gitarrencharakteristisches Solospiel zu entwickeln. Im Workshop Part I habe ich das Gitarrensolo mit der menschlichen Sprache verglichen, jetzt geht´s einen Schritt weiter: Eure Gitarre quatscht jetzt Släng!

Und um diese Techniken dreht es sich:

1) Slide   2) Hammer-on   3) Pull-off   4) Vibrato


S L I D E

Möglicherweise seid ihr bereits darauf gestoßen, dass der Begriff “Slide” doppelt verwendet wird. Einerseits wird die typische Country(rock)-Spielweise, bei der man eine über den Finger gestülpte Stahlröhre (Bottleneck)  locker auf die Saiten legt und so Akkorde oder Soli spielt (siehe auch Workshop 01) als Slide Guitar bezeichnet. Andererseits wird auch das herkömmliche Greifen von Einzeltönen, Intervallen oder ganzen Akkorden als Slide bezeichnet, wenn man in diese Griffe mit dem Finger / den Fingern hinein- oder aus ihnen herausrutscht.

In den meisten Fällen wird so ein Slide dazu genutzt zwei aufeinanderfolgende Noten zu spielen, ohne dass (mit einem neuen Finger) die zweite Note neu gegriffen wird. In diesen Fällen ist also die Wegstrecke, die gerutscht wird, exakt vorgegeben (z. B.: 2 Bünde nach oben oder 3 Bünde nach unten, ...).

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Lick Nr. 1 (wie auch alle folgenden Licks) besteht aus Tönen der pentatonischen Tonleiter in a-moll. (s. Part I des Workshops)

Hörbeispiel

Auch wenn euer Fingersatz bei diesem Lick ein wenig durcheinandergerät, behaltet unbedingt im Hinterkopf, dass euer Zeigefinger grundsätzlich für den 5. Bund und der Ringfinger für den 7. Bund zuständig sind.

Ihr fangt also mit dem Ringfinger auf der D-Saite an, dann Zeigefinger auf G-Saite und wieder Ringfinger nun auch auf der G-Saite. Zur Zählzeit “3” rutscht ihr mit dem Ringfinger in den 9. Bund. Dies muß eine einzige flüssige Bewegung sein: Den Ton des 8. Bundes hört man nicht, auch kann man nicht sortieren, ob der Slide nun genau auf der Zählzeit “3” erst losgerutscht ist oder ob er zu diesem Zeitpunkt die Note im 9. Bund schon erreicht hatte.

Im 2. Takt schlagt ihr auf “1” die G-Saite an und rutscht mit dem Ringfinger 2 Bünde tiefer, schlagt auf “2” die Saite erneut an und slidet nochmal 2 Bünde tiefer bis in den 5. Bund. Um auf Zählzeit “3” mit dem ZEIGEFINGER auf der D-Saite vom 5. in den 7. Bund zu sliden.

Der Abschluß im 3. Bund ist ein Slide-in ohne Festlegung des Ausgangspunktes, bei dem ihr von etwa 1. bis 3. Bund in den 5. Bund hineinrutscht. Achtet dabei unbedingt darauf, dass keine einzelnen Töne (Bund 1 + Bund 2 + Bund ...) zu hören sind, sondern nur pünktlich auf “1” das A im 5. Bund/tiefe E-Saite.

Weil so ein Slide natürlich eine schnelle Bewegung ist, achtet darauf nicht hektisch zu werden und zu verkrampfen sondern spielt insgesamt lieber ein ruhiges Tempo - dafür aber locker und zielsicher.

Damit ihr wißt, wo ihr rutschen könnt, also welche Töne sich mit einem Slide verbinden lassen, habe ich hier als nächstes alle Töne der a-moll-Pentatonik auf dem Griffbrett eingezeichnet.

Die Klammern unter dem Giffbrett- Schema zeigen euch die möglichen Fingersätze für die a-moll-Pentatonik an.

In der Mitte ist der schon bekannte Fingersatz aus dem 1. Teil dieses Workshops.

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Probiert aus, welche Slides besonders gut kommen und fügt diese eurem Repertoire an Licks hinzu.

Wenn ihr die neuen Fingersätze lernen wollt, fangt am besten mit dem 2. Fingersatz an (2. Bund = Zeigefinger, 3. Bund = Mittelfinger und alle Töne im 5. Bund mit dem kleinen Finger ! Das gibt Kraft :)))


H A M M E R - O N

Wie der Slide dient auch die Hammer-on-Technik dazu, zwei aufeinanderfolgende Noten (auf der gleichen Saite) zu verbinden, um so eine “geschmeidige” Klangwirkung zu erzielen.

Macht euch bewußt, dass eine Folge von flüssig gespielten “gebundenen” Tönen eine elegante aber eher ruhigere Klangwirkung erzielt (legato). Während eine Tonfolge, bei der jeder einzelne Ton mit dem Plektrum gleichberechtigt angeschlagen wird, dagegen eine sehr krafvolle aber auch ein bißchen “plumpe” Klangwirkung erzielt (staccato).

Auf die Kombination von legato und staccato kommt es an - sowohl im ganzen Solo als auch im einzelnen Lick. Es ist euer Gefühl, wie ihr das Solo passend zum Song anlegen wollt, das über den Einsatz der verschiedenen Solo-Techniken (spontan) entscheidet.

Hier zwei Hammer-on-Licks (Lick 2 und 3):

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Und dazu die beiden Licks im Hörbeispiel:

Hörbeispiel

Ihr greift mit dem Zeigefinger die D-Saite im 5. Bund, schlagt sie auf  “1” an und klopft mit dem Ringerfinger auf “1u” in den 7. Bund. Dabei soll der neue Ton sauber erklingen. Der Zeigefinger bleibt während des Klopfens im 5. Bund liegen und stabilisiert die Bewegung. Anschließend greift ihr mit dem Ringfinger rüber auf die G-Saite und schlagt den dritten Ton wieder mit dem Plektrum an. Und in der 2. Takthälfte greift abschließend der Zeigefinger die G-Saite/5. Bund.

Im zweiten Beispiel kommt eine andere sehr professionell klingende “Neuigkeit” hinzu. Im Grunde handelt es sich um dasselbe Lick wie Nr. 2 - aber mit dem Unterschied, dass ihr nun Triolen spielt ! Das bedeutet, dass die Viertelnote jetzt in 3 kleinere Einheiten - 3 Noten ! - zerlegt wird. Obwohl ihr euer Zähltempo nicht erhöht habt, klingt das Lick jetzt viel schneller, denn ihr müßt ja nun max. 12 Töne in einem 4/4-Takt unterbringen statt vorher max. 8 Töne.

Ganz wichtig ist, dass ihr jetzt nicht euren das Tempo mitstampfenden Fuß überseht ! Jede Triole in Lick 3 beginnt mit dem Zeigefinger eurer Greifhand und das muß absolut synchron sein zur Bodenberührung eures Fußes. Andersherum hat der höchste Punkt eures wippenden Fußes, der bisher die “u”-Zählzeit markiert hatte, jetzt keine Bedeutung mehr: An dieser Stelle müßt ihr den zweiten Ton der Triole bereits gespielt haben - und wenn der Fuß sich wieder senkt folgt noch der abschließende dritte Ton.

Ich finde es super-praktisch, anstatt im Kopf “1 u u 2 u u ...” zu zählen, ein dreisilbiges Wort vor mir herzusagen, z B.: “u - ni - vers  u - ni - vers ...”. Immer bei der Silbe “u” klopft euer Fuß auf dem Boden die geraden (vollen) Zählzeiten.


P U L L - O F F

Die Pull-off-Technik ist das genaue Gegenteil der Hammer-on-Technik, trotzdem auch eine Legato-Technik, bei der es darum geht zwei aufeinanderfolgende Töne flüssig zu verbinden.

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Lick 4 und 5.

Lick Nr. 5 wieder triolisch !!

Hörbeispiel

Bevor ihr diese Licks spielt, müssen bereits beide Finger auf der G- (Lick 4) bzw. H-Saite (Lick 5) die angegebenen Bünde greifen. Der Zeigefinger im 5. Bund stabilisiert wieder die Bewegung eurer Hand. Ihr schlagt den höher gegriffenen Ton an und zieht dann euren Finger nach unten hin (also Richtung Erdboden) ab. Auf die richtige Kraft-Dosis kommt es an. Wenn ihr den Finger einfach nur abhebt, erklingt gar kein neuer Ton, aber wenn ihr zuviel Druck ausübt, dann zieht ihr die Saite ein Stücken mit nach unten, was beim endgültigen Loslassen wie ein neuer Anschlag klingt. Und das ist bei den Pull-offs höchstens minimal erwünscht.

Die Hammer-on-Technik führt euch in der Tonleiter also nach oben, während die Pull-offs euch nach unten führen. Wenn ihr mit diesen Techniken einen ganzen Fingersatz auf- oder abwärts spielt, wird das in euerem Solo garantiert eine sehr markante Passage !

Obwohl ihr fast nichts anderes als die pentatonische Tonleiter aufwärts spielt, ist der Klangeindruck doch ein ganz anderer (eben Legato).

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V I B R A T O

Das Vibrato ist wohl die Solo-Technik, bei der es am deutlichsten wird, dass der Gitarren- bzw. Solo-Einsteiger von Anfang an sich nicht nur althergebrachte Methoden samt Tabulaturen seiner Lieblingssongs draufschaffen muß, sondern dass auch in dieser frühen Lernphase bereits der eigene individuelle Stil sich zu entwickeln beginnt. Euer persönlicher Stil wird dabei sicherlich am stärksten von euren respektierlichen Vorbildern geprägt (also der Wunsch so zu klingen wie XY). Andererseits spielen aber auch Dinge eine Rolle wie Übe-Gewohnheiten (im Stehen, im Sitzen, rockig und headbangend oder still und konzentriert), eure Anatomie (vor allem die Beschaffenheit eurer Hände) und nicht zuletzt euer Instrument (denn was auf der einen Gitarre vielleicht wenig beeindruckt, klingt auf der anderen Gitarre atemberaubend).

Eure Entwicklung am Instrument wird immer zu einem Großteil von euren technischen Fortschritten abhängen - aber zu einem anderen unverzichtbaren Teil auch von eurer Individualität, nämlich der Kreativität auch mal etwas anders zu machen.

Die Vibrato-Techniken haben alle gemeinsam dasselbe Ziel: Euren sauber gegriffenen Ton “schmutzig” zu machen. Und umso schmutziger der Sound desto rockiger die Wirkung! Um dies zu erreichen, produziert ihr absichtlich Tonhöhen-Schwankungen. Dafür gibt es viele verschiedene Möglichkeiten (nicht zuletzt der Tremolo-Hebel, sofern vorhanden, der eigentlich Vibrato-Hebel heißen müßte). Die beiden gängigsten Techniken aber werden ganz praktisch gleich mit dem Finger erledigt, der den sauberen Ton gegriffen hat.

Ein eher dezentes Vibrato erreicht ihr, indem ihr den Ton anschlagt und mit dem Greif-Finger eurer linken Hand zwischen den Bundstäbchen auf der klingenden Saite hin- und herrutscht. Oberhalb des 12. Bundes könnt ihr dafür die gesamte Breite zwischen den Bünden ausnutzen. In den tieferen Bünden beschränkt ihr euch auf etwa die Hälfte des Platzes. Wichtig ist, dass ihr mit eurem Finger nicht auf das untere oder obere Bundstäbchen hinaufrutscht, weil sonst der Ton augenblicklich verstummt. Gewöhnt euch an soviel Vibrato-Effekt wie möglich mit so wenig Fingerbewegung wie nötig zu erreichen. Es ist durchaus möglich, ohne dass ein Laie überhaupt sehen kann, dass ihr den Finger bewegt, ein deutlich hörbares Vibrato zu erzeugen.

Während bei der 1. Methode durch eure Fingerbewegung die klingende Saite schnell und abwechselnd verlängert und wieder verkürzt wird, bleibt beim super-schmutzigen Rock-Vibrato die Saitenlänge konstant, aber ihr erhöht die Saitenspannung, indem ihr die Saite immer dicht am oberen Bundstäbchen abwechselnd nach unten wegzieht und zurück über den sauberen Urpsrungston hinaus nach oben hinaufschiebt. Die Richtung eurer Fingerbewegung steht also genau senkrecht zum Verlauf der Saite. (Ihr könnt euch auch darauf beschränken die Saite nur zu ziehen und abwechselnd wieder auf den sauberen Ursprungston zu entspannen.)

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Im Hörbeispiel spiele ich einige unterschiedliche Töne auf verschiedenen Saiten - zugegeben: drastisch übertrieben ;-)

Hörbeispiel

Angaben, wo ihr welches Vibrato spielen sollt, werdet ihr in den üblichen Tabulaturen der Songsbooks nicht finden. Es bleibt also euch überlassen, wo ihr wieviel davon einsetzt.

Grundsätzlich solltet ihr hiermit nicht gerade sparsam umgehen.

Lasst alle Licks dieses Workshops (Part I + II)  nochmal Revue passieren und probiert, die Vibrato-Technik als festen und dauerhaften Bestandteil eures Stils einzuarbeiten.

Töne, die ausklingen, solltet ihr immer “vibrieren”. Bei einem lang ausklingenden Ton fangt mit einem dezenten Vibrato an und steigert bis zum Greifen des folgenden Tons die Intensität.

Versucht die Vibrato-Fingerbewegung zu timen, also im Beat zu vibrieren (1/4-Noten, 1/8-Noten). Versucht die Vibrato-Fingerbewegung so schnell wie ihr nur könnt.

Wenn ihr schon sehr sicher im Greifen der Solo-Töne seid, löst für ein besonders kräftiges Vibrato eure gesamte linke Hand vom Griffbrett, so dass allein der (Vibrato-)Greif-Finger bei optimaler Bewegungsfreiheit noch Kontakt zum Griffbrett hat.

Versucht mit einer kreisenden Fingerbewegung die beiden Vibrato-Methoden zu verschmelzen.

Nutzt das Vibrato um Rückkoppelungen (Feedback) kontrolliert in euer Solo einzubauen.

Ihr seht, Möglichkeiten sind genug vorhanden: Jedem sein eigener Stil !


Und demnächst im 3. Teil dieses Workshops:  Die Techniken der Aufsteiger (Bending und Tapping).

Fragen, Anregungen und Kritik bitte an die oben angegebene eMail-Adresse.

(c) r.Kottke 2000 www.geilundlaut.de

Offene Ohren für was ihr braucht !